Rundbrief Neujahr 2002

„Geistfreundlichkeit ist das einzige, was die Zivilisation vor dem Untergang zu retten vermag “.
Thomas Mann: Neujahrswunsch an die Menschheit, 31.12.1928

Liebe Mitglieder, liebe Freunde Thomas Manns und seiner Familie,

in diesen weltgeschichtlich bewegten Tagen, die wohl nicht zufällig mit der epochalen filmischen Erinnerung an die Familie Mann und ihren „Zauberer“ als „Anwalt der Demokratie“ (Kurt Sontheimer) zusammen fallen, ist der Rückblick auf die Aktivitäten unseres Förderkreises im vergangenen Jahr und ein Ausblick auf das neue Jahr besonders dringlich angezeigt.
Der Todesfall unseres Gründungsmitglieds Anita Naef Ende Oktober 2000 führte zur Übernahme ihres testamentarisch bestimmten Thomas-Mann-Nachlasses an den Förderkreis. Dank der Hilfe der Fernmeldeschule des Heeres in Feldafing konnten die wertvollen Bücher, darunter Erstausgaben der Werke Thomas Manns, die umfangreiche Sekundärliteratur, die vielen Briefe der Familie Mann, Fotos sowie das private Peter-de-Mendelssohn-Archiv von Frau Naef mit Möbeln nach Feldafing ins „Villino“ überführt werden. Die „Sammlung Anita Naef“ des Förderkreises steht der Forschung bereits zur Verfügung. Zahlreiche Fotos der Sammlung wurden in den dreiteiligen Film „Die Manns - Ein Jahrhundertroman“ eingeblendet und in mehreren Büchern abgedruckt.

Rückschau auf 2001
Erfreulich war in diesem Jahr wieder die Zusammenarbeit mit dem Literaturhaus München, dem Filmmuseum, der Hochschule für Musik und Theater, dem Indien-Institut und der Fernmeldeschule des Heeres. Das Jahr begann mit einem gut besuchten Kabarettabend der Geschwister Sybille und Michael Birkenmeier am 10. Januar. Ihre Darstellung der Geschwister Erika und Klaus Mann verband stimmig Texte der legendären „Pfeffermühle“ mit heutigen politischen Entwicklungen. Auf der Mitgliederversammlung vom 7. März in der Bibliothek des Literaturhauses stellte Herr Wolfgang Goergens das Projekt einer Stiftung zur Rekonstruktion der Mann-Villa im Herzogpark vor. Nach einem erneuten Verkauf des Anwesens Thomas-Mann-Allee 10 im Herbst 2001 scheint das Stiftungsziel jedoch nicht mehr erreichbar.
Am 21. April war auf Vermittlung des Produzenten Franz Seitz dessen Film-Adaption der Novelle „Wälsungenblut“ im Filmmuseum zu sehen. Im Kleinen Konzertsaal der Hochschule für Musik und Theater begrüßt von Dr. Alexander Krause trug Albert von Schirnding am 28. Mai neue Erkenntnisse zu Thomas Mann im München der Familie Pringsheim vor; umrahmt wurden die kundigen Ausführungen von einer erneuten Präsentation der Wagner-Adaption „Siegfried und der Waldvogel“ von Prof. Pringsheim für ein Klavierquintett.

In Zusammenarbeit mit der Offiziersheimgesellschaft der Fernmeldeschule der Bundeswehr fand am 15. Juli das Sommerfest vor dem Feldafinger Villino bzw. (nach Einsetzen eines Wolkenbruchs) im Offziersheim statt. Dirk Heißerer trug als Herausgeber Passagen aus seiner Dokumentation über „Thomas Manns ‚Villino’“ vor. Die glückliche Begegnung mit Mrs. Gigi Richter Crompton, der 1922 im Villino geborenen Tochter des damaligen Hausbesitzers Dr. Georg Martin Richter (1975-1942), im Juni 2001 in Cambridge brachte nicht nur für die Dokumentation und die Dauerausstellung im Villino neues Material und neue Erkenntnisse. Mrs. Richter Crompton überließ darüber hinaus dem Förderkreis wertvolle frühe Manuskripte ihres Vaters und Sonderdrucke, die nun für die „Sammlung Richter“ aufbereitet und der Forschung zur Verfügung gestellt werden. Das Villino steht seit Juli 2001 unter Denkmalschutz.
Nach der Sommerpause konnten wir Prof. Dr. Dieter Borchmeyer am 4. Oktober für einen Vortrag über Thomas Mann und Martin Walser im Völkerkundemuseum gewinnen. Der profunde und engagierte Vortrag führte zu einer lebhaften Diskussion. Zur Feier des 80. Geburtstags von Franz Seitz am 21. Oktober richtete der 1. Vorsitzende im Filmmuseum ein Grußwort an den Jubilar als dem „eigentlichen Thomas-Mann-Produzenten im 20. Jahrhundert.“ In der Hochschule für Musik und Theater begrüßten wir am 6. November Dr. Thomas Sprecher, den Leiter des Thomas-Mann-Archivs Zürich, zu einem instruktiven Vortrag über Thomas Manns „Collegheft 1894/95“ als Student am damaligen Polytechnikum (heute Technische Universität). Durch die Personalunion des 1. Vorsitzenden und Herausgebers der im Verlag P. Kirchheim, München, erschienenen Dokumentation über „Thomas Manns ‚Villino’“ konnte der Förderkreis nur die gut besuchte Buchvorstellung am 20. November im Literaturhaus München übernehmen. Eine weitere Förderung war aus Gründen der Gemeinnützigkeit nicht möglich.

Umkreis
Erwähnenswert sind zudem zwei Veranstaltungen, die der Förderkreis sehr begrüßte. Mit bewundernswerter Energie hat unser Mitglied Dr. Karl Smikalla, der 1953 in Würzburg mit einer Arbeit zu Thomas Mann promoviert wurde, im Oktober 2001 ein Thomas-Mann-Denkmal in Gmund am Tegernsee aufstellen lassen. Die Mittel für das von Quirin Roth geschaffene Doppel-Porträt „Herr und Hund“ und für das kostenlos beziehbare Begleitbuch „Thomas Manns heimliche Liebe zum Tegernsee“ brachten Dr. Smikalla und seine Freunde ausschließlich privat auf (Infos Tel. 08022/74215). Bei der Einweihung in Gmund am 23. Oktober hielt der 1. Vorsitzende des Förderkreises auf Einladung nach Grußworten des Bundesministers a. D. Hans-Dietrich Genscher und Prof. Elisabeth Mann Borgese die Festansprache. Dr. Smikalla machte dem Münchener OB Christian Ude das Angebot, eine Replik des Denkmals im Münchener Herzogpark auf eigene Kosten aufzustellen. Eine Antwort steht noch aus.
Hingewiesen wurden die Mitglieder des Förderkreises sodann auf einen hoch interessanten Vortrag, zu dem am 15. November das hiesige Indien-Institut unter seiner Präsidentin Brigitte Gedon ins Völkerkunde-museum einlud. Prof. Dr. Vrihagiri Ganeshan sprach anlässlich der Novelle „Die vertauschten Köpfe“ über „Thomas Mann und Indien - eine interkulturell geistige Begegnung oder ein metaphysischer Scherz?”

Vorschau 2002
Das neue Jahr eröffnen wir, auf vielfachen Wunsch, mit einem Gesprächsabend zum aktuellen Film „Die Manns - Ein Jahrhundertroman“ am 24. Januar in der Hochschule für Musik und Theater (Einladung anbei). Zusammen mit der Ludwig-Maximilians Universität und dem Verlag Langen Müller Herbig veranstaltet der Förderkreis sodann die Buchpräsentation zur Neuausgabe von Prof. Kurt Sontheimers ‚Klassiker’ „Thomas Mann und die Deutschen“ (1961) Mitte Februar in der Großen Aula der Universität (Einladung erfolgt rechtzeitg). Zur Mitgliederversammlung am 28. Februar mit der Neuwahl des Vorstands in der Bibliothek des Literaturhauses wird ebenfalls noch eigens eingeladen. Wir freuen uns ganz besonders, unsere Schirmherrin Prof. Elisabeth Mann Borgese für eine Benefizveranstaltung zur Unterstützung der Aktivitäten des Förderkreises gewonnen zu haben. Sie liest am 1. März im Staatlichen Museum für Völkerkunde aus ihrem neuen Buch „Wie Gottlieb Hauptmann die Todesstrafe abschaffte“ (Köln, Edition Memoria); Prof. Eberhard Görner zeigt vorher seinen Film „Making of“ über die Entstehung des Breloer-Films. Ein Sonderhinweis: Die Olaf Gulbransson Gesellschaft lädt am Sonntag, den 14. April um 11.30 Uhr ins Olaf Gulbransson Museum Tegernsee zu einem Vortrag von Dirk Heißerer „Thomas Mann und der ‚Simplicissimus’ ein.
Vom Förderkreis geplant sind außerdem eine Präsentation des „Doktor Faustus“-Films von Franz Seitz im Filmmuseum Ende April und ein Vortrag von Albert von Schirnding in der Hochschule für Musik und Theater am 2. Juni über „Die Entstehung des Doktor Faustus“. Das Sommerfest soll im Juli wieder im Villino gefeiert werden. Weitere Veranstaltungen sind derzeit noch in Planung.
Aktuell in Arbeit ist die völlig neue Einrichtung der Website unseres Förderkreises und die Inventarisierung der Sammlung Naef bzw. der Sammlung Richter. Diese Arbeiten sollen in zwei Monaten abgeschlossen sein. Ein zweites Vorhaben ist die intensive Suche nach einer geeigneten Heimstätte. Nach dem Scheitern der Aussichten auf eine Rekonstruktion der Mann-Villa im Herzogpark wird die Etablierung einer Forschungsstelle im universitären Bereich nachdrücklich angestrebt. Viel versprechende Gespräche wurden bereits geführt.

Soweit Rückblick und Ausblick. Auf der Rückseite des Rundbriefs finden Sie eine Reihe von Buchempfehlungen. Dem Rundbrief liegen zudem die jeweiligen Spendenbescheinigungen bei.

Ich freue mich sehr, diese Aussichten eröffnen zu können. Im Namen des Vorstands darf ich Ihnen für Ihre rege Teilnahme an unseren Veranstaltungen danken und uns allen ein gutes und friedvolles neues Jahr 2002 mit vielen Aktivitäten im Geist der Familie Mann wünschen.

Dr. Dirk Heißerer
1. Vorsitzender des Vorstands München, 1. 1. 2002


Geschenke an den Förderkreis 2001

Elisabeth Mann Borgese: Mein Vater der Zauberer - meine Liebe das Meer (Gespräche mit Wolf Gaudlitz, Audiobuch, Doppel-CD; Geschenk von Erwin Schumacher, Buchhandlung Lehmkuhl) ; Harald Weinrich: Kleine Kulturgeschichte der Heiterkeit: München, C.H.Beck, 2001. Zu Thomas Mann S. 42 ff.: „So bezeugt Thomas Mann mehr als jeder andere deutsche Autor des 20. Jahrhunderts Kraft und Stärke der Heiterkeit im Kampf gegen den Fanatismus der Diktatoren.“ (Geschenk von Hans-Ulrich Büchting); Johann Prossliner (Hrsg.): Lexikon der Nietzsche-Zitate. München, Kastell Verlag, 2001. Zu Thomas Mann S. 397 f. (Geschenk des Herausgebers); Thomas Mann: Collegheft 1984-1895. Hrsg. v. Yvonne Schmidlin und Thomas Sprecher. Frankfurt am Main, Vittorio Klostermann, 2001 (Geschenk von Dr. Sprecher). Auf Vermittlung von Isabell Arneth-Yang schenkte Prof. Hong Tianfu von der Universität Nanjing dem Förderkreis eines der letzten Exemplare seiner Übersetzung des „Zauberberg“ ins Chinesische mit der Widmung „Thomas Mann - Goethe des 20. Jahrhunderts“ für die Villino-Bibliothek. Ulrich Kocher aus Reutlingen stiftete eine schöne Halblederausgabe des ‚Liederbuchs für altmodische Leute’ „Als der Großvater die Großmutter nahm“, aus dem Thomas Mann zum großen Vergnügen seiner Kinder öfter vorgelesen hat. Rose-Margret Dillmann (München) überließ einen Roman von Ida Boy-Ed. Die Villino-Dokumentation sowie die Jahresgabe 2001 des Fördervereins der Villa Stuck mit der Rede von Dirk Heißerer „Sünde und Schwert. Thomas Mann und Franz von Stuck“ wurden ebenfalls in den Bestand aufgenommen. Exemplare der Rede liegen in der Villa Stuck aus.

Empfohlene Literatur
Heinrich Breloer, Horst Königstein: Die Manns - Ein Jahrhundertroman; Unterwegs zur Familie Mann (S. Fischer); Monika Mann: Vergangenes und Gegenwärtiges. Erinnerungen. Nachwort von Inge Jens. Ergänzte Ausgabe (Rowohlt). Besonders zu empfehlen ist: Kerstin Holzer: Elisabeth Mann Borgese. Ein Lebensportrait (Kindler). Die ausgezeichnete erste Biographie unserer Schirmherrin! Hörbücher: Die Stimmen der Familie Mann in Originaltönen (Hörbuch Hamburg); Hermann Kurzke: Thomas Mann. Leben und Werk (der hörverlag). Im „Oskar Maria Graf Jahrbuch 2001“ (List Verlag) erschien der Beitrag von Dirk Heißerer: „’Ich lege großen Wert auf Ihre Freundschaft’. Thomas Mann und Oskar Maria Graf in München und Amerika“. „Literatur in Bayern“ (Heft 65, September 2001) dokumentiert den Aufenthalt Thomas Manns während seiner „Brautzeit“ 1904 in Utting am Ammersee. Sehr wertvoll ist das Buch von Friedhelm Kröll: Die Archivarin des Zauberers. Ida Herz und Thomas Mann (ars vivendi). Ohne Ida Herz hätte Thomas Mann nach der unvermuteten Emigration wertvollste Manuskripte und Bücher unwiederbringlich in München verloren. Die schon zu Lebzeiten Thomas Manns begonnene Sammlung Ida Herz wurde später zur Grundlage für das Thomas-Mann-Archiv in Zürich. In einer günstigen Sonderausgabe neu erschienen ist das Begleitbuch zur Münchener Thomas-Mann-Ausstellung von 1987 „Heller Zauber“ von Jürgen Kolbe (Siedler). Zu Heinrich Mann, dessen 130. Geburtstag mit einer Lesung aus dem unveröffentlichten Briefwechsel mit Kadidja Wedekind am 6. August in der Buchhandlung Amalienstraße 71 gedacht wurde, sind erschienen: Liebschaften und Greuelmärchen. Die unbekannten Zeichnungen von Heinrich Mann. Hrsg. v. Volker Skierka. Göttingen, Steidl Verlag, 2001. Die gleichnamige Ausstellung des Buddenbrook-Hauses in Lübeck soll nach der Präsentation in der Akademie der Künste, Berlin (April/Mai 2002) auch in München gezeigt werden. Empfehlenswert ist auch: Heinrich Mann: Das Kind. Geschichten aus der Familie. Frankfurt am Main, Fischer Taschenbuch Verlag, November 2001.

Hinweise zum Ausdrucken von Texten