|
Rundbrief
Weihnachten 2002 / Neujahr 2003
"Zu den wesentlichsten Eigenschaften,
welche den Menschen von der übrigen Natur unterscheiden, gehört
das Wissen von der Vergänglichkeit, von Anfang und Ende und
also von der Gabe der Zeit, - diesem so subjektiven, so eigentümlich
variablen, nach seiner Nutzbarkeit so ganz dem Sittlichen unterworfenen
Element, dass sehr wenig davon sehr viel sein kann." Aus: Thomas
Mann: Lob der Vergänglichkeit. Ein Weihnachts- und Neujahrsgruß
für unsere Freunde 1952/1953 (GW X, S. 383-385, hier 384).
Liebe Mitglieder, liebe Freunde Thomas Manns und
seiner Familie,
kurz vor Jahresende soll Sie noch der Rückblick
auf das vergangene Jahr und der Ausblick auf unsere Planungen für
das nächste Jahr erreichen. Zunächst seien unsere Mitglieder
herzlich bedankt für die lebhafte Teilnahme an unseren Veranstaltungen,
für Spenden in Form von Büchern (allen voran Herrn Matussek
in Nettetal, Frau Brandt und Herr Graf Spreti in München),
aber auch in Form von finanziellen Zuwendungen. Für die sorgfältige
Gestaltung unserer Internet-Seiten (www.tmfm.de) sei Frau Heidi
Fenzl-Schwab herzlich gedankt.
Lebhaft war bereits die Diskussion um den Film "Die Manns -
Ein Jahrhundertroman" am 24. Januar in der Hochschule für
Musik und Theater. Dabei kamen auch erstmals die nachgebauten und
vom Förderkreis erworbenen Möbel Thomas Manns aus der
Film-Villa in Geiselgasteig auf der Bühne des Kleinen Konzertsaals
zum Einsatz. Für die gute Kooperation sei stellvertretend für
die Hochschule dem Kanzler Dr. Alexander Krause herzlich gedankt.
Der plötzliche Tod unserer Schirmherrin Prof.
Elisabeth Mann Borgese am 8. Februar verwandelte die für den
1. März im Völkerkundemuseum geplante Lesung aus ihrem
neuen Buch ("Wie Gottfried Hauptmann die Todesstrafe abschafft",
Edition Memoria) in eine Gedenkveranstaltung. Albert von Schirnding
stellte Tagebuch-Passagen Thomas Manns, seine Lieblingstochter betreffend,
vor, und Kerstin Holzer las aus ihrer gelungenen und erfolgreichen
Biographie. Prof. Eberhard Görner (Bad Freienwalde) zeigte
aus diesem Anlass seinen Film über die Dreharbeiten zu "Die
Manns - Ein Jahrhundertroman" mit Elisabeth Mann Borgese als
der entscheidenden Erzählerin und Vermittlerin. Zum 85. Geburtstag
von "Medi" Mann Borgese planen wir am 24. April 2003 einen
weiteren Gedenkabend (s. u.).
Ein wesentlicher Aspekt war in diesem Jahr die verstärkte Zusammenarbeit
mit der Ludwig-Maximilians-Universität. Die Buchpräsentation
der Neuausgabe des Klassikers' Thomas Mann und die Deutschen"
von Prof. Kurt Sontheimer am 18. März machte den Anfang, und
nachdem über den Sommer hinweg eine Porträtbüste
"Thomas Mann", geschaffen von Gottfried Bermann-Fischer,
dem langjährigen Verleger Thomas Manns, erworben werden konnte,
war es eine besondere Freude, noch am 26. September, wenige Tage
vor Ablauf seiner Amtszeit, zusammen mit Rektor a. D. Prof. Andreas
Heldrich, die neue "Thomas-Mann-Halle" im Hauptgebäude
einweihen und die Bronzebüste enthüllen zu können.
Für das Sommersemester 2003 ist sodann eine kleine Vortragsreihe
zu "Thomas Mann in München" geplant; nähere
Einzelheiten werden noch bekannt gegeben.
Zeitgleich mit der Einweihung der "Thomas-Mann-Halle"
in der Universität konnte in Alt-Schwabing am "Wirtshaus
Seerose", Feilitzschstraße 32, eine neue Gedenktafel
für Thomas Mann und die Vollendung seines ersten Romans "Buddenbrooks"
(1901) angebracht werden. Die Finanzierung der wieder von Joachim
Jung in Zusammenarbeit mit Dr. Dirk Heißerer gestalteten Glastafel
übernahmen drei Spender, die Hausbesitzerin Frau Lotte Eberle,
die Geschäftsfrau Heidi Bauer und Dr. Dirk Heißerer (Literarische
Spaziergänge und Exkursionen). Damit hat der Förderkreis
nach den Gedenktafeln an Thomas Manns "Villino" in Feldafing
(1999) und der Erinnerung an die erste Wohnung der Familie Mann
im einstigen Haus Franz-Joseph-Straße 2 die dritte Gedenktafel
für Thomas Mann anbringen können. Die Planung der Tafel
zur Erinnerung an das aufgelassene Familiengrab auf dem Waldfriedhof
(Konzeption: Dr. Detlef Seydel, Wolfsburg) steht vor dem Abschluss.
Ein Kuriosum am Rande: Am 6. Juni, Thomas Manns
127. Geburtstag, konnte dem berühmten Bären aus dem Hause
Mann im Literaturhaus auf Vermittlung des Förderkreises von
Oberbürgermeister Christian Ude der wieder aufgefundene "Silberteller"
(Elisabeth Mann Borgese) aus Messing zurück gegeben werden.
In der "Langen Nacht der Bücher" am 15. Juni vertrat
Dr. Dirk Heißerer den Förderkreis mit einer Lesung aus
Thomas Manns Vortrag "Goethe und Tolstoi" (1921) sowie
aus "Felix Krull" im Hotel Kempinski "Vier Jahreszeiten".
Frau Rosmarie Noris und Dr. Heißerer gestalteten sodann den
Abend zu "Mario und der Zauberer" mit unbekannten Filmszenen
des originalen Vorbilds zum "Zauberer" am 26. November
im Völkerkundemuseum. Frau Dr. Barbara von Specht sei für
die gute Zusammenarbeit ebenfalls sehr herzlich gedankt!
Ein besonderes Lob verdienen die Aktivitäten
unseres Mitglieds Dr. Karl Smikalla und seiner Freunde in Gmund
und Kreuth um dauerhafte Erinnerungsformen an Thomas Mann. Nachdem
er im Herbst 2001 das Denkmal "Herr und Hund" in Gmund
am Tegernsee aufstellen konnte (Bildhauer: Quirin Roth), gelang
ihm in diesem Jahr die Platzierung eines großen "Künstlerstoa"
im Kurpark von Kreuth, zur Erinnerung an Thomas Mann und die Künstler
Thomas Baumgartner, Josef Oberberger und Willy Preetorius. Unter
lebhafter Anteilnahme der Schuljugend wurde der "Künstlerstoa"
am 18. Oktober 2002 eingeweiht.
Ausblick 2003. Für das nächste Jahr
stehen folgende Termine bereits fest:
Sonntag, 23. Februar, 11 Uhr: Literaturhaus, Salvatorplatz
1, Großer Saal. Inge Jens stellt ihre Katia-Mann-Biographie
vor. Eine Veranstaltung des Rowohlt Verlags, des Literaturhauses,
des Thomas-Mann-Förderkreis München e. V. und der Stadtbibliothek
München, Monacensia, Literaturarchiv. Anmeldung unbedingt erforderlich!
Donnerstag, 13. März, Musikhochschule, Carl-Orff-Forum,
Luisenstraße 37 a. Dr. Michael Maar (Berlin) spricht über
sein Buch "Das Blaubartzimmer. Thomas Mann und die Schuld"
(Suhrkamp).
Donnerstag, 10. April, ab 17 Uhr: Stadtbibliothek
München, Monacensia, Literaturarchiv, Maria-Theresia-Straße
23 (beim Friedensengel): Führung von Frau Ursula Hummel durch
das Erika- und Klaus-Mann-Archiv. Teilnehmerzahl begrenzt. Anmeldung
über das Büro.
Donnerstag, 24. April. Völkerkundemuseum.
Gedenkabend zum 85. Geburtstag unserer Schirmherrin Prof. Elisabeth
Mann Borgese (1918-2002). Der Filmregisseur Prof. Eberhard Görner
(Bad Freienwalde) stellt seinen Film "Elisabeth Mann Borgese
- Botschafterin der Meere" vor.
Mittwoch, 21. Mai, Völkerkundemuseum. "Der kleine Herr
Friedemann". Der Schauspieler Ulrich Mühe liest Passagen
aus der Novelle. Prof. Eberhard Görner stellt seinen Film vor
(Hauptrolle: Ulrich Mühe).
Dienstag, 16. September, Ludwig-Maximilians-Universität
(Raum wird noch bekannt gegeben): Prof. Klaus Schultz (Staatstheater
am Gärtnerplatz): Um den "Doktor Faustus". Die Beziehung
von Thomas Mann und Theodor W. Adorno. Zum 100. Geburtstag des Philosophen.
Albert von Schirnding: Der Erwählte im Waffenschrank.
Von der Kunst, Thomas Mann zu sammeln. Stadtbibliothek München,
Monacensia, Literaturarchiv. Maria-Theresia-Str. 23., 15.Oktober,
19 Uhr.
Fest stehen auch folgende Besuchstermine in Thomas
Manns "Villino" in Feldafing, jeweils Samstags von 14-16
Uhr (pünktlicher Beginn!). Anmeldung an der Wache der Fernmeldeschule
des Heeres in Feldafing, Tutzinger Straße 46, gegen Vorlage
eines gültigen Personalausweises: 18.1.; 15.2; 22.3; 17.5;
21.6.; 19.7.; 20.9.; 18.10.; 15.11. Weitere Besuchstermine und Sondertermine
erfahren Sie über unser Büro.
Fest steht auch die Vortragsreihe "Thomas
Mann und München" in der Ludwig-Maximilians-Universität
im kommenden Sommer-Semester zwischen Mai und Juli, jeweils an einem
Donnerstag um 20 Uhr. Geplant sind Vorträge zu folgenden Themen:
Prof. Wolfgang Frühwald (angefragt): Eröffnungsvortrag;
Dirk Heißerer: Thomas Mann und der "Simplicissimus";
Eberhard von Lochner (Gauting): Thomas Mann und der Politikwissenschaftler
Eric Voegelin (1958-69 an der LMU); Klaus Bäumler (München):
Kuno Fiedler - ein deutsches Schicksal, dem Vergessen entreißen;
Michael Schwalb (Köln): Thomas Mann und Bruno Walter; Albert
von Schirnding: Thomas Mann und Ernst Bertram.
In Vorbereitung
Dem Förderkreis ist es im Dezember 2002 gelungen,
einen fast vollständigen Satz der "Joseph"-Lithographien
(mit Varianten) aus dem Nachlass von Hermann Ebers zu erwerben.
Für Thomas Mann waren diese Lithographien 1922 die entscheidende
Anregung zu der Roman-Tetralogie "Joseph und seine Brüder"
. Dazu ist eine eigene Veranstaltung geplant
Der Förderkreis steht auch in Gesprächen
im Zusammenhang der Veranstaltungen zum 10. Mai 1933, dem 70. Jahrestag
der Bücherverbrennungen.
In Zusammenarbeit mit der Buchhandlung Lehmkuhl
ist eine Lesung von Prof. Dr. Frido Mann aus seinem neuen Roman
"Nachthorn" geplant.
Für den Sommer planen wir zudem, anlässlich
des 100. Geburtstags der in München geschriebenen wichtigen
Künstlernovelle, eine Lesung aus "Tonio Kröger"
mit dem jungen Rezitator Henning Westphal (nicht zu verwechseln
mit Gert Westphal, dem vor kurzem verstorbenen kongenialen Rezitator
Thomas Manns).
Auf das Sommerfest wollen wir im nächsten
Jahr nicht verzichten. Wo und wie wird noch bekannt gegeben.
Zuletzt sei aus aktuellem Anlass hingewiesen auf
das "Zauberberg"-Hörspiel des Bayrischen Rundfunks
(in Zusammenarbeit mit dem Hörbuch-Verlag) und auf die Video-bzw.
DVD-Produktion des Films "Die Manns - Ein Jahrhundertroman"
(Euro-Video).
Vorstand und Kuratorium wünschen Ihnen allen
ein frohes Weihnachtsfest und ein gesundes und friedliches neues
Jahr 2003 mit vielen Begegnungen im humanen Geiste Thomas Manns.
Dr. Dirk Heißerer
1. Vorsitzender des Vorstands
P. S. Den nachfolgenden Leserbrief mit einer Richtigstellung
zu einer uninformierten Darstellung im Zusammenhang des ehemaligen
Hauses der Familie Mann an der Poschingerstraße 1 im Münchener
Herzogpark empfehle ich nur deshalb Ihrer freundlichen Aufmerksamkeit,
weil die "Süddeutsche Zeitung" zwar der falschen
Darstellung, nicht aber der Richtigstellung Platz eingeräumt
hat.
Richtigstellung zum Leserbrief von Karl Hager,
München: "Die Mann-Villa war unversehrt", in der
"Süddeutschen Zeitung" Nr. 255 vom Dienstag, 5. November
2002, S. N1.
Der Augenzeuge ist nicht immer eine verlässliche
Quelle. Nachdem Elisabeth Höfl-Hielscher in ihrem Beitrag "Die
Thomas-Mann-Villa ersteht neu" (SZ vom 1. 10.) unter Berufung
auf mich als Vorsitzenden des Thomas-Mann-Förderkreises München
e. V. den zeitgeschichtlich wahrlich komplexen Sachverhalt um das
zerstörte Dichterhaus an der einstigen Poschingerstraße
1 ordentlich dargestellt hat, tritt nun ein Augenzeuge auf und bestreitet
nicht nur die Zerstörung der Mann-Villa, sondern vor allem
auch die Schilderung der Ruine in Klaus Manns Lebensbericht "Der
Wendepunkt" (1952). Der Augenzeuge sei als "kriegsbeschädigter
Student" in der unversehrten, zum Studentenwerk gehörenden
Mann-Villa von November 1944 bis Mai 1945 untergebracht gewesen.
Die Schilderung dessen, was der mittlerweile amerikanische Soldat
Klaus Mann nach 12 Jahren Exil Anfang Mai 1945 in dem weitgehend
zerstörten Elternhaus vorgefunden habe, könne "nicht
richtig sein". Ist das als Behauptung schon ein starkes Stück,
hätte bereits ein Anruf beim Studentenwerk den Skeptiker, der
sich schon bei der Hausnummer nicht ganz sicher war, eines Besseren
belehrt. Tatsächlich hatte das Studentenwerk bis 1949 Versehrtenheime
in den Häusern Poschingerstraße 5 und Sternwartstraße
24 eingerichtet und insgesamt 25 Zimmer an durchschnittlich 65 Studenten
vermietet. Das Haus Poschingerstraße 5, erbaut 1910 für
Alfred Walter Heymel (1878-1914), den Dichter und Begründer
des Verlags sowie der Zeitschrift "Die Insel", wurde als
spätere Diplomatenvilla vom Studentenwerk 1937 erworben und
zum "Haus der Auslandsdeutschen Studenten" ernannt. Nach
dem Krieg war es tatsächlich "unversehrt" und wurde
1952 an das Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung verkauft.
So hat sich der Augenzeuge nach mehr als einem halben Jahrhundert
sowohl im Haus als auch im Dichter geirrt. Der Vorgang beweist einmal
mehr, wie sehr die Erinnerung an die Familie Mann in München
noch heute einer gründlichen Förderung bedarf.
Dr. Dirk Heißerer, 1. Vorsitzender des Thomas-Mann-Förderkreis
München e. V.
Abgeschickt an die Lokalredaktion am 6. und
am 21. November 2002 sowie am 12. Dezember ab die Chefredaktion.
Eine gekürzte Fassung des Leserbriefs erschien am 17. Dezember.
|