„Da stand in der großen Diele zwischen den riesigen Mahagonischränken und der mächtigen Lübecker Truhe der ausgestopfte sibirische Braunbär aufrecht auf seinem schwarzen Sockel und hielt mit den scharf bewehrten Vordertatzen die dunkelrote russische Holzschale für die Visitenkarten. (Der damalige Brauch, diese sich ständig mehrenden papierenen Höflichkeitsbeweise jahrelang sichtbar aufzustapeln, wird mir ewig unerklärlich bleiben.) Aus dem offenen Rachen drohte das böse weiße Gebiß, aber die braunen Glasaugen und die breite rote Holzzunge wirkten gutmütig, so daß die plump dienende Haltung einigermaßen glaubhaft schien, in der das Raubtier vom Präparator verewigt worden war. Immerhin erschraken manchmal Geschäftsboten oder Handwerker, wenn sie die recht lebendig wirkende Gestalt zum erstenmal sahen, und ich war sehr stolz darauf, gelegentlich solche festen Männer mit den Worten »Der tuat Eana nix!« beruhigen zu können. Ich kam mir dann fast wie ein Tierbändiger vor.
»Der Bär«, ein Hochzeitsgeschenk aus Rußland für unsere Eltern , war ein Familienstück par excellence. Wir haben alle fünf als Kinder in ihm eine Art Haustier gesehen, und später bedeutete er uns fast das Sinnbild des Hauses. Immer wieder entmottet, geflickt und geleimt, zog er mit uns von Wohnung zu Wohnung und kam nach meiner Heirat zunächst an mich, später zu Thomas in das Haus an der Poschinger Straße, wo er wieder in einer großen Diele spielenden Kindern zuschauen konnte."

Viktor Mann: Wir waren fünf. Bildnis der Familie Mann. Frankfurt am Main, 1981. S. 30 und 58f

Der Bär steht nun als Dauerleihgabe von Thomas Kleinsteuber und der Landeshauptstadt München im 3. Stock des Münchner Literaturhauses, ein Blatt zwischen seinen Tatzen und ein Folder zeugen von seinem wechselhaften Schicksal und seinen Stationen.
So findet er nun seinen Ort als 'Sinnbild' einer lebendigen Arbeit und Erinnerung an die Familie Mann in München.

Zu den Spuren des Bären in Literatur und Sekundärliteratur u.a. :

Thomas Mann: Buddenbrooks. Frankfurt am Main, 1997. Kap. VII,1 und VII,6
Klaus Mann: Der Wendepunkt. Ein Lebensbericht. München, 1981. S. 90

Heinrich Breloer; Horst Königstein: Die Manns. Ein Jahrhundertroman. Frankfurt am Main, 2001. S. 223f
»Die Geschichte des Bären«. Folder. Literaturhaus München.
»Das Hackenviertel«. Bürger schreiben für Bürger. Schriftenreihe des Instituts Bavaricum München Elfi Zuber. Band 1. München, 1984. S. 154-160
Dirk Heißerer: Wo die Geister wandern. Eine Topographie der Schwabinger Bohème um 1900. München, 1993. S.119f
Jürgen Kolbe (Mitarbeit: Karl Heinz Bittel): Heller Zauber. Thomas Mann in München 1894-1933. Berlin, 1987. S. 65

(HFS)

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