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Prof. Dr. Friedrike Klippel
Enthüllung der Büste in der "Thomas-Mann-Halle"
26.09.2002 19 Uhr
Magnifizenz
Herr Dr. Heisserer
meine sehr verehrten Damen und Herren
es ist mir eine große Freude, dass ich heute
bei diesem für die Universität und für unsere Fakultät
für Sprach- und Literaturwissenschaften wichtigen Ereignis
unseren Dekan, Prof. Jäger, vertreten darf. Dekan Jäger
bedauert es außerordentlich, dass er heute abend nicht anwesend
sein kann. Er war es nämlich, der sich in den vergangenen Semestern
nachdrücklich dafür eingesetzt hat, dass die Verbindungen,
die zwischen Thomas Mann und unserer Universität in der Vergangenheit
bestanden haben, in neuer Form belebt werden.
Die ersten Planungsgespräche für eine fächerübergreifende
sprach- und literaturwissenschaftliche Bibliothek haben bereits
stattgefunden. In einem solchen Philologicum, so lautet der "Arbeitstitel",
könnten die Buchbestände mehrerer Teilbibliotheken unserer
Fakultät, etwa die der Germanisten, Nordisten, Komparatisten,
Anglisten und Amerikanisten, zusammengeführt werden. Dadurch
ergeben sich ganz konkrete Berührungspunkte zwischen den Disziplinen,
etwas, das wir in einer sich wandelnden Universität fördern
möchten. In das Philologicum könnte auf die eine oder
andere Weise eine Thomas-Mann-Forschungsstelle sehr gut integriert
werden. Denkbar wäre etwa ein getrennter Raum, in dem Arbeitsplätze
direkt neben den Buch- und Archivbeständen eine ganz besondere
Forschungsatmosphäre und Anregungskraft besäßen.
Die Thomas-Mann-Forschung und die Zusammenarbeit mit dem Förderkreis
Thomas Mann wird dadurch sicherlich gestärkt und beflügelt,
und es lassen sich vielfältige Anknüpfungspunkte für
Projekte und Forschungsarbeiten finden. Es wäre schön,
wenn sich dann München zu Beginn des 21. Jahrhunderts als ebenso
fruchtbar für die Auseinandersetzung mit Thomas Mann erweisen
würde, wie es das München des frühen 20. Jahrhunderts
für Thomas Mann selbst war.
Forschungsfragen gibt es in Hülle und Fülle. Für
mich als Anglistin und Vertreterin der Angewandten Linguistik und
Didaktik gehört Thomas Mann nicht zu meinem Arbeitsgebiet,
wenngleich ich als Schülerin in den 60ger Jahren natürlich
"Tod in Venedig" und "Buddenbrooks" gelesen
habe. Aber ich konnte es mir doch nicht verkneifen, aus meiner Fachperspektive
dort ein bisschen zu recherchieren, wo nach Ansicht vieler unserer
Studierenden sich heutzutage das Wichtigste abspielt, im Internet.
Dabei bin ich auf zwei unterschiedliche Einschätzungen der
frühen englischen Übersetzungen von Thomas Manns Werken
durch Mrs. Lowe-Porter, einer Amerikanerin, gestoßen, die
sein Werk in der englischsprachigen Welt berühmt machten. In
einem Porträt der Übersetzerin, das der Bayerische Rundfunk
im Jahre 2001 sendete, heißt es: "Helen Tracy Lowe-Porter
hat kein Zwei-Sprachen-Kauderwelsch vorgelegt, sondern Texte, in
denen das Englische so dicht verwoben scheint, dass an keiner Stelle
die Originalsprache störend hindurchschimmert." Und das,
obwohl sie die Aufgabe lösen musste, Begriffe wie "Ehrendudu",
"plieräugig" und "Märzenbier-Dicktrunkenheit"
zu übertragen. Die zeitgenössische englische Meinung setzte
einen anderen Akzent, wenngleich sie im Urteil nicht weniger positiv
ausfiel. Der nicht-genannte Rezensent des Zauberbergs, des "Magic
Mountain", in der englischen Tageszeitung "Manchester
Guardian" aus dem Jahre 1927 stellt unter der Überschrift
"Teutonic Heights" fest, dass die Übersetzung des
Romans so gut gelungen sei, dass man nach ihrer Lektüre fest
davon überzeugt bliebe, das Werk im Original gelesen zu haben.
Denn die Übersetzung verleugne die Herkunftssprache keineswegs.
"Not for Mr Lowe-Porter the foolish and unjustifiable endeavour
so to render the work into English that easygoing folk may overlook
the fact that it is an importation". Grund genug, sich diese
Übersetzungen einmal genauer anzusehen, scheint mir.
In diesem Sinne freue ich mich auf eine blühende
Forschung und eine lebendige Lehre zu Thomas Mann an der LMU.
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