Leserbrief an die FAZ zur Gedenktafel. München, 4.8.06
Nicht im Traum wäre es uns eingefallen, dass der in dem Feuilleton-Artikel „Dieses dumme Nest!“ in der FAZ vom 29.7. (Nr. 174, S. 38) kritisierte Satz auf der Gedenktafel am Neubau im Münchener Herzogpark, Thomas Mann habe hier „sein Wohnhaus 1913 bis 1952“ gehabt, derart missverständlich und widersinnig verstanden werden könnte. Der Satz beruhte vielmehr auf dem Gedanken, das einstige Thomas-Mann-Haus über die Zeiten hinweg durch die Eckdaten der Entstehung und des Abrisses in einem übergeordneten Sinn zu würdigen. Ergänzende und erläuternde Angaben sollten über die Website des Thomas-Mann-Förderkreises München e. V. (www.tmfm.de) vermittelt werden. Dort weisen zwei Texte von mir („Die Poschi Das Thomas-Mann-Haus 1913-1952“ und „Das kleine Weimar im Herzogpark“) zusammen mit einer Zeittafel auf die weiteren Zusammenhänge hin (die Texte sind auch abgedruckt in dem Buch: „Auf eigene ART“, hg. von Christoph Schreier, Prestel Verlag, 2006). Diese Absicht ließ sich jedoch nicht eindeutig und überzeugend verwirklichen. Daher wurde die Kritik konstruktiv zum Anlass für eine neue Glastafel mit einem korrigierten und erweiterten Text genommen. Der geänderte Text lautet:
„’Auf eigene Art einem Beispiel folgen, das ist Tradition.’ Der Schriftsteller und Nobelpreisträger Thomas Mann (1875-1955) ließ hier 1913 ein Wohnhaus errichten und bewohnte es mit seiner Familie von Januar 1914 bis zum Beginn des Exils im Februar 1933.
Der Beschlagnahme des Hauses 1933 durch die Bayerische Politische Polizei folgte 1937 die Enteignung durch das Deutsche Reich und das Land Bayern. Nach der Zerstörung im Krieg 1944 wurde das Haus Thomas und Katia Mann 1948 zurückerstattet. Thomas Mann ließ es 1952 abreißen und verkaufte das Ruinengrundstück. Ein Nachfolgebau (1953-2002) wurde im Jahr 2006 durch die von der Stadt München geforderte äußerliche Rekonstruktion des einstigen Thomas-Mann-Hauses ‚auf eigene Art’ ersetzt. www.tmfm.de“.
Die neue Tafel wird voraussichtlich bis Ende August angebracht. Der Thomas-Mann-Förderkreis München e.V. bemüht sich im übrigen seit seiner Gründung 1999 satzungsgemäß um „dauerhafte Erinnerungsformen“ an Thomas Mann und die Seinen in München. Verschiedene Gedenktafeln zur Erinnerung an Schreiborte der Romane „Buddenbrooks“ (2002), „Königliche Hoheit“ (2000) in München und des „Zauberberg“ im Feldafinger „Villino“ (1999) zeugen ebenso davon wie die Gedenktafel am ehemaligen Familiengrab auf dem Münchener Waldfriedhof, die Einrichtung der Thomas-Mann-Halle in der Ludwig-Maximilians-Universität (alle 2003) und die Begründung einer Vortragsreihe „Thomas Mann in München“ (seit 2003) ebendort mit dazu gehörender Thomas-Mann-Schriftenreihe (TMSR, s. www.peniope.de). Ein Anliegen der Vortragsreihe ist es dabei, eben diejenige national-konservative Pressekampagne im München der Zwanziger Jahre gegen Thomas Mann aufzuzeigen, die zum „Protest der Richard-Wagner-Stadt München“ 1933 und zum Exil Thomas Manns und seiner Familie geführt hat. Auch und gerade spätere Stellungnahmen Thomas Manns gegenüber München wie der, dass das „dumme Nest“ (Tagebuch, 16.8.1940) bzw. der „alberne Platz“ (gemeint ist beide Male die „Hauptstadt der Bewegung“) seine Bombardierung „geschichtlich verdient“ habe (Tagebuch, 20.9.1942), wurden gegenüber kritischen Einwänden sowohl der Münchener Kulturreferentin als auch des Präsidenten der Deutschen Thomas-Mann-Gesellschaft ausführlich erläutert und verteidigt (s. TMSR Bd. 6, 2005, S. 16 ff.). Das Motto der Gedenktafel „Auf eigene Art (...)“ ist dementsprechend der Radiorede Thomas Manns an „Deutsche Hörer!“ vom April 1942 entnommen. Die darin geäußerte Zustimmung zu den alliierten Bombenangriffen auf Lübeck (als Vergeltung für die deutschen Angriffe auf Coventry und Rotterdam) hätte Thomas Mann noch 1955 in seiner Geburtstadt beinahe die Ehrenbürgerwürde gekostet. Im vergangenen Jahr würdigte Bundespräsident Horst Köhler in seiner Lübecker Festansprache zum 50. Todestag des Dichters diese Worte Thomas Manns als „glasklare Erkenntnis“.
So sehr die Kritik an dem missverständlichen Satz auf der Gedenktafel berechtigt war (bei gleichzeitig falscher Darstellung der neuen Haussituation im Münchener Herzogpark der Neubau wurde eben gerade nicht „renoviert und umgebaut“), so wenig war es unsere Absicht, die Exilzeit Thomas Manns zu unterschlagen. Der Förderkreis ist sich des problematischen Verhältnisses von Thomas Mann zur Stadt seines fast 40-jährigen Wirkens deutlich bewusst und sieht seine Aufgabe gerade in der Aufarbeitung dieser Problematik. Durch die lebhafte Diskussion hat die neue ausführlichere Gedenktafel nun beste Aussichten, eine weitere „dauerhafte Erinnerungsform“ an Thomas Mann in München zu werden.
Dr. Dirk Heißerer
1.Vorsitzender des Thomas-Mann-Förderkreis München e.V.
Residenzstraße 13/II
80333 München